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Frankfurter Allgemeine Zeitung

24. Februar 2003

Versöhnung der Gegensätze


„Am 24. Februar 1878 fiel eine schwerwiegende Entscheidung : Clara Schumann folgte dem Ruf auf eine Spitzenposition im Lehrkörper des neubegründeten Hoch’schen Konservatoriums. Ein Zufall wollte es, dass 125 Jahre später auf den Tag genau ein ehemaliger Schüler des Hauses in dem nach der Künstlerin benannten Saal sein erstes großes Konzert in Frankfurt gab; der Abend mit Ulrich Roman Murtfeld, der ein großes Echo fand, gab zugleich das Startsignal für eine Reihe von Jubiläumskonzerten, die von April an täglich stattfinden.

Konzertprogramme neigen heute häufig dazu, sich auf ein erfolgversprechendes Kernrepertoire, das immer enger wird, zu beschränken. Unter diesem Aspekt fiel es auf, dass Murtfeld zwar Beethoven und Liszt, aber auch Janáček und Dutilleux bot. Zusammen mit Brahms als Eingang und Debussy („Feux d’artifice“) als Zugabe entfaltete er ein sechsfach gefächertes Spektrum fortgeschrittener Pianistik, die immer wieder den Ausgleich zwischen souveräner Spieltechnik – am deutlichsten bei den Franzosen – und Ausdrucksintensität, zwischen der Bildhaftigkeit von Beethovens „Les Adieux-Sonate“ und ihrer geistigen Abstraktion suchte und fand. Unüberhörbar die Brücke zu Janáčeks Zyklus „Im Nebel“, der Jürgen Uhde zufolge im Andante Vorstellungen von „Suchen, Finden und wieder Verlieren“ verklanglicht.

Das Pendant zu den unterschiedlichen Stilebenen, die klar zutage traten, fand sich in der Balance zwischen Architektur und Klanglichkeit : Ein eigenwilliger, oft überraschend reicher Einsatz des rechten Pedals, der subtile Hallwirkungen erzeugte, bedrohte kaum die Klarheit der Satzstrukturen, akzeptiert man die große Linie der geradezu pedalgesättigten g-moll-Ballade von Brahms oder des subtil ausgestalteten, dabei entschieden vorwärtsstrebenden A-dur-Intermezzos desselben Komponisten.

Noch unvermittelter prallen die Gegensätze zwischen dem Wüten des Höllensturms und der innigen Erinnerung an glückliche Zeiten in Liszts „Dante-Sonate“ aufeinander. Auch hier gelang Murtfeld, der Irina Edelstein und Veronika Jochum, Vitaly Margulis und Karl-Heinz Kämmerling zu seinen Lehrern zählt, ein überzeugender Ausgleich zwischen den Extremen, hier eine subtile Klanglichkeit im lyrischen Mittelteil, der von den virtuosen Eruptionen der Eckteile nicht überrollt wird. Die Entdeckung des Abends : der dritte Satz aus der Sonate von Henri Dutilleux, die nach vier ineinander übergehenden Variationen zu den choralhaften Blöcken des Beginns zurückkehrt und dem Spieler zwischen spätimpressionistischen Inseln ein wahres Feuerwerk pianistischer Virtuosität abverlangt; eine Herausforderung, der der Pianist mit präziser Billanz überlegen gerecht wurde.“