Frankfurter Allgemeine Zeitung
11.Oktober 2008
Hände, Mund und Metronom
Ulrich Roman Murtfeld in der Alten Oper
Schlank und klar in der Tongebung widmete sich der Pianist und Naturwissenschaftler Ulrich Roman Murtfeld im Mozart-Saal der Alten Oper dem Klavierwerk von Mauricio Kagel. Aus nahezu starrer Pose zelebrierte er die Klavieretüde "An Tasten" (1977). Den sich einstellenden Assoziationen an Klaviermusik des 19. Jahrhunderts gab er in der Anschlagsfarbe so geschmeidig wie flüchtig nach und wahrte so die nötige Distanz, um sie angemessen schillern zu lassen. Mit vier Stücken aus den "Vingt Regards sur l'Enfant-Jésus" von Olivier Messiaen schien der Pianist seinem Publikum neben Avantgardistischem auch Kulinarisches bieten zu wollen. Seine pianistische Handschrift zeigte sich jedoch auch hier in einem analytisch-distanzierten Herausstellen der musikalischen Substanz jenseits katholizistischer Überwältigungsästhetik.
"In der Musik der Gegenwart interessieren mich vor allem die Berührungen zwischen Musik und Naturwissenschaft", bekannte sich Murtfeld nach dem Konzert besonders zu Ligeti, von dem er zwei der "Études pour piano" gespielt hatte. In beiden zeigt sich Ligeti stark von Conlon Nancarrow inspiriert. Ligeti arbeitet hier mit komplexen Überlagerungen gleichbleibender Muster. Die erste von Murtfeld gespielte, "Cordes vides", war Pierre Boulez gewidmet, konnte an dessen 60. Geburtstag jedoch nicht aufgeführt werden, weil sie dem Pianisten zu schwierig war. Die zweite, "Vertige", ist Mauricio Kagel gewidmet und hat ihre Uraufführung durch ein Selbstspielklavier erlebt. Mauricio Kagels "MM51 - Ein Stück Filmmusik" (1967) blieb die einzige Hommage an Kagel als Musik-Theatraliker: Ein auf beweglicher Fläche gelagertes Metronom wurde mittels Fußregler in Schräglagen gebracht, in denen der mechanische Quälgeist hinken, mitunter auch schweigen musste. Die von Kagel vorgeschriebenen Vokaleinlagen vermittelte Murtfeld aufs überzeugendste und erntete dafür heitersten Beifall. Kagels "Metapiece (Mimetics)" von 1961 ist eine gefaltete graphische Partitur, die ganz oder in Teilen, in verschiedenen Reihenfolgen ihrer Elemente und in frei variierbaren Zeitrastern aufgeführt werden kann. Die beiden an diesem Abend vorgestellten Versionen ließen kaum dasselbe Stück vermuten.
ELISABETH RISCH