Louise Farrenc (1804-1875)
Pianistin und Komponistin
Die Französin Louise Farrenc, Zeitgenossin von Berlioz, dürfte wohl unter den Komponistinnen des 19. Jahrhunderts die am meisten unterschätzte sein. Dabei erreichte sie Zeit ihres Lebens mit den Aufführungen ihrer Werke ganz außerordentliche Erfolge und machte sich im Pariser Musikleben dieser Zeit - sie spezialisierte sich ganz auf die Instrumentalmusik - einen Namen. [Ulrich Roman Murtfeld]
Kleine, saubere, scharfe Studien sind es, ... so verständig in der Ausführung, so fertig mit einem Worte, dass man sie lieb gewinnen muß, umso mehr, als über sie ein ganz leiser romantischer Duft fortschwebt. »
Robert Schumann über die Klavierkomposition »Air russe varié » op. 17, Neue Zeitung für Musik
« ... gut geschrieben und orchestriert mit einer Begabung, wie sie selten bei Frauen zu finden ist. »
Hector Berlioz über die Ouvertüre Nr.2
« ... mit diesem zweiten Quintett reiht sich die Autorin unter die Hervorragendsten, die sich in dieser Gattung hervorgetan haben, ein. Das Quintett ist beachtlich durch die Methodik, die Klarheit der Ideen, die Einheitlichkeit des Denkens, die Schlichtheit der Imitationen, den Geschmack, den eleganten Stil, aber vor allem durch den Reichtum an melodischen Gedanken, die alle von einer delikaten Frische sind. »
Henri-Louis Blanchard über das zweite Quintett in E-dur op.31
« Madame Farrenc, eine Künstlerin mit außergewöhnlichen Leistungen und mit einem ganz männlichen musikalischen Organisationstalent, hat bei Kennern durch ihre großen Kompositionen, in denen sich eine intellektuelle Kraft offenbart, die ihrem Geschlechte nicht zugänglich zu sein scheint, höchste Anerkennung gefunden... »
François-Joseph Fétis
Unter den Komponistinnen des 19. Jahrhunderts sticht Louise Farrenc durch ihre Professionalität und eine besondere Begabung für große Formen wie Symphonien und Sonatensätze hervor. In Frankreich war das Konzertleben zu der Zeit, als Louise Farrenc ihre wichtigen Werke komponierte, einerseits ganz auf die Vokalmusik, namentlich die Oper, im Konzertsaal andererseits auf das Virtuosentum fixiert. Große Attraktion übten außerdem die ‘Salons’ und Soireen aus, deren musikalische Darbietungen dem allgemeinen Geschmack entsprechend eine Tendenz zum Seichten und oberflächlich-unterhaltenden hatten. Louise Farrenc, die sich vollkommen an der ernsten, abstrakten Musik, deren höchste Vollendung von den großen Genies wie Mozart und Beethoven geschaffen wurde, orientiert, ging mit ihrer Arbeit in eine ganz andere Richtung. Den Erfolg, den sie mit den Uraufführungen ihrer Werke hatte, verdankte sie daher auch nicht dem großen Publikum, sondern eher den Kennern und Liebhabern des anspruchsvollen Konzertrepertoires. Gerade aus heutiger Sicht ist es sehr interessant, sich in den Lebenslauf dieser außergewöhnlichen Frau einzulesen. Dabei erfährt man viel über die starke Persönlichkeit der Komponistin und die mannigfaltigen Aspekte ihres ereignisreichen, bewegenden Lebens sowie über ihr Umfeld. In ihrer Musik spiegelt sich dies alles wider.
Louise Farrenc wurde am 31. Mai 1804 als Tochter des Künstlerpaares Jacques-Edme Dumont und Marie Louise Courton in Paris geboren. Beide Eltern entstammten alten Bildhauerfamilien. Es fällt auf, daß es unter Louise Farrencs Vorfahren gerade auch unter den Frauen ganz ausgeprägte künstlerische Begabungen gab. Vor allem die Dumonts waren über Generationen hinweg erfolgreich und angesehen in ihrem Metier. Viele ihrer Skulpturen sind auch heute noch an prominenten Stellen in Paris und anderswo in Frankreich zu finden und zu besichtigen. Die Familie zeichnete sich durch besonders enge Bindungen an den Königshof aus, sowohl unter Louis XIV als auch Louis XV. Seit der Mitte des 18.Jahrhunderts gehörten sie daher zu den ausgesuchten Künstlerfamilien, die direkt im Louvre wohnen konnten. Louise Farrencs älterer Bruder Auguste Farrenc, der selbst bedeutender Bildhauer wurde, kam noch hier zur Welt. Kurz vor der Geburt der Tochter zog die Familie in eine neu gegründete Künstlerkolonie in der Sorbonne um. Hier lebten ganze 30 Familien in einer lebendig freien, anregenden Atmosphäre zusammen, die der Entwicklung des sowohl musikalisch, wie auch künstlerisch hochbegabten Mädchens außerordentlich entgegenkam. Früh wurde ihr Talent durch ihre Eltern gefördert. Die musikalische Ausbildung übernahm die Patentante Anne-Elisabeth Cécile Soria, die selbst eine Schülerin Muzio Clementis war. Dabei wurde dennoch Wert auch auf eine breite Allgemeinbildung gelegt, was sich beispielsweise in sehr guten Sprachkenntnissen niederschlug. Dies unterscheidet Louise Farrenc von der um 15 Jahre jüngeren Clara Schumann, deren intellektuelle Förderung im Kindesalter den Vorstellungen des Vaters entsprechend vor der frühen professionellen pianistischen Ausbildung deutlich zurücktrat. Im Alter von 15 Jahren schließlich wurde die talentierte, dabei vom Charakter her zurückhaltende, fast schüchterne Louise Schülerin von Antonin Reicha, damals der führende Kompositionslehrer am Conservatoire National in Paris und selbst ein Schüler Mozarts und Michael Haydns. Die ersten Kompositionen schrieb Louise Farrenc zunächst ausschließlich für ‘ihr’ Instrument, das Klavier. Es handelt sich vornehmlich um Variationen über bekannte Themen und Opernarien.
Bei den zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten in der Künstlerkolonie, bei denen Louise Farrenc selbst als Pianistin mitwirkte, lernte sie ihren künftigen Mann, den zehn Jahre älteren Flötisten Aristide Farrenc kennen. Im Jahre 1821 – Louise war also 17 Jahre alt - kam es zur Heirat. Die beiden Ehepartner ergänzten sich in ihrer glücklichen Ehe auf glänzende Weise. Aristide Farrenc, der einen eigenen Notenverlag gründete und einer der in Frankreich wichtigsten und auch über die Grenzen seines Landes hinaus bekannten Herausgeber für Musik wurde, setzte sich Zeit seines Lebens unermüdlich für die Aufführung und Verbreitung der Werke seiner Frau ein. 1825 erwarb Aristide Farrenc sämtliche Rechte, die künftigen Kompositionen und didaktischen Werke von Johann Nepomuk Hummel in Frankreich zu veröffentlichen. Dies war zugleich der Beginn einer langjährigen Freundschaft des Ehepaars Farrenc mit diesem berühmten Wiener Musiker, einem der angesehensten Komponisten seiner Zeit. Dieser Kontakt ist mit Sicherheit für die künstlerische Entwicklung von Louise Farrenc nicht zu unterschätzen. Sie ließ sich in ihrer eigenen Arbeit sowohl von der Pianistik als auch von dem Kompositionsstil Hummels anregen. Mit der Geburt der Tochter Victorine im Jahre 1826 unterbrach Mme. Farrenc zunächst ihre Studien bei Antonin Reicha, setzte jedoch schon bald ihre kompositorische Arbeit fort. Bescheidenheit und Schüchternheit prägten die junge Komponistin Farrenc. Hier übernahm ihr Mann Aristide, der die besondere Begabung seiner Frau spürte, die wichtige Rolle, sie stets zu ermuntern und zu ermutigen, mit ihren Werken an die Öffentlichkeit zu gehen. Es entstanden weiterhin vornehmlich Klavierstücke, die von ihrem Mann verlegt wurden. Erste Erfolgserlebnisse waren 1836 die überaus lobende Rezension des « Air russe varié » op.17 (1835) für Klavier in der Neuen Zeitschrift für Musik durch Robert Schumann und etwas später die positive Aufnahme der 1838 vollendeten « Dreißig Etüden in allen Dur- und Moll-Tonarten » op.26 für Klavier durch die Pariser Kritik.
In seiner Besprechung schrieb Schumann :
„Legte mir ein junger Componist Variationen wie die von L. Farrenc vor, so würde ich ihn sehr darum loben, der günstigen Anlagen, der schönen Ausbildung halber, wovon sie überall Zeugnis geben. Zeitig genug erfuhr ich den Stand des Verfassers, der Verfasserin nämlich, die die Gemahlin des bekannten Musikhändlers in Paris, und bin verstimmt, dass sie schwerlich etwas von diesen aufmunternden Zeilen erfährt. Kleine saubere, scharfe Studien sind es, vielleicht noch unter den Augen des Lehrers vollführt, aber so sicher im Umriß, so verständig in der Ausführung, so fertig mit einem Worte, dass man sie lieb gewinnen muß, um so mehr, als über sie ein ganz leiser romantischer Duft fortschwebt. Themas, die Nachahmungen zulassen, eignen sich bekanntlich am besten zum Variieren, und so benutzt denn dies die Componistin zu allerhand netten kanonischen Spielen. Sogar eine Fuge gelingt ihr bis auf die – (sic) d.h. mit Umkehrungen, Engführungen, Vergrößerungen – und dies alles leicht und gesangreich. Nur den Schluß hätt’ ich in eben so stiller Weise gewünscht, als ich vermutet , dass es nach dem Vorhergehenden kommen würde.“
In den 40er Jahren nun entstanden die kammermusikalischen Werke, die gemeinsam mit den Orchesterwerken sehr viel Anerkennung und einen festen Platz in der damaligen Musikwelt Frankreichs bringen sollten. Der Enthusiasmus, der aus den zu zitierenden Rezensionen spricht, ist fast als sensationell zu bezeichnen. 1839 und 1840 schrieb Farrenc die Klavierquintette op. 30 und op. 31 in der Besetzung mit Kontrabaß. Sie kamen in kleinem Rahmen vor Fachpublikum zur Uraufführung und riefen allgemeine Begeisterung hervor. Der Kritiker Blanchard von der « Gazette musicale » zeigte sich tief beeindruckt. In einer Rezension besprach er die vielen Vorzüge der Komposition und rundete seinen Artikel mit einer phantasievollen Metapher ab : « In dem Gebiet, oder sagen wir in dem musikalischen Königreich, in das Madame Farrenc eingetreten ist, grüßen wir sie als eine Königin wie eine Elisabeth oder eine Christine, unter der Bedingung daß sie nicht abdanken wird wie diese beiden, die diesen Namen trugen. » Die Entstehungszeit der beiden Farrencschen Klavierquintette liegt zwischen den früheren Produktionen Schuberts und Hummels in dieser Gattung und dem einige Jahre später komponierten Quintett Schumanns, bzw. dem erst viel später geschaffenen, wichtigen Brahms-Quintett. Die dem Forellenquintett entsprechende Besetzung mit Kontrabasses hängt mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Verfügbarkeit eines fabelhaften Bassisten der Pariser Opéra zusammen.
1842 erhielt Farrenc als erste Frau in der Geschichte des ‘Conservatoire National’ eine Professur für Klavier. Diesen Posten sollte sie 30 Jahre innehaben. Im gesamten 19. Jahrhundert war sie die einzige Pianistin in Frankreich, der über einen solch langen Zeitraum eine derart wichtige Stellung anvertraut wurde. Zu dieser Zeit wurde am Conservatoire noch geschlechtergetrennt studiert. Selbstverständlich war Madame Farrenc der Frauenabteilung zugeteilt worden, so daß sie nur weibliche
Studenten hatte. Ähnlich ihrer Kompositionsarbeit verfolgte Louise Farrenc auch ihre pädagogische Arbeit mit viel Anteilnahme und Können ; ihre Studentinnen waren überdurchschnittlich erfolgreich. Lange Zeit musste sie sich mit einem niedrigeren Gehalt als ihre männlichen Kollegen zufrieden geben. Erst im Jahre 1850 wurde ihr nach wiederholtem Anfragen eine Angleichung ihres Gehaltes, v.a. auch unter Eindruck ihres unübersehbaren Erfolgs als Komponistin, gewährt. Unter ihren Studentinnen befand sich auch die eigene Tochter Victorine, die sich gleichermaßen hochbegabt wie ihre Mutter schnell zu einer ausgezeichnten Pianistin entwickelte und regelmäßig erfolgreiche Auftritte auch mit Werken ihrer Mutter hatte.
Neben ihren Kammermusikwerken sorgte Louise Farrenc nun auch mit Werken für Orchester für Aufsehen. 1840 wurde eine schon einige Jahre zuvor komponierte Ouvertüre im Rahmen der ‘Société des Concerts’ (Konzertgesellschaft) uraufgeführt. Die Société des Concerts veranstaltete zu dieser Zeit weltweit beachtete Konzertreihen mit großen symphonischen Werken, insbesondere auch den Symphonien Beethovens. Nach dem Konzertabend äußerte Hector Berlioz, dessen eigene « Waverley Ouvertüre » im gleichen Konzert aufgeführt worden war, seinen Respekt vor den Fähigkeiten der Komponistin in diesem Genre.
Die 1841 vollendete 1.Symphonie c-moll op. 32 wurde in Brüssel unter der Leitung des berühmten Musikschriftstellers und Dirigenten François-Joseph Fétis uraufgeführt. Sowohl hier als auch bei der Pariser Erstaufführung kurze Zeit später im Saal des Conservatoires war die Präsentation des Werkes ein Erfolg, dokumentiert in zahlreichen Presseveröffentlichungen, die die Qualität des Werkes herausstellen und nicht zuletzt dem Erstaunen Ausdruck geben, daß eine Frau so gekonnt für Orchester schreiben kann. Der Kritiker Castil-Blaze schrieb in ‘La France musicale’ « ... niemals hat eine Frau diese Kenntnis der kunstvollen Behandlung des Orchesters gezeigt, diese Energie in der Konzeption und im Effektvollen. Nicht unter ihren Geschlechtsgenossinnen sondern unter Männern muß Madame Farrenc ihre Rivalen suchen. » Ein anderer Kommentator schrieb : « Einzigartig ! Was in diesem von einer Frau geschaffenen Werk hervorsticht, ist genau das, was man nicht erwarten würde : es gibt mehr Kraftvolles als Delikates in der der Symphonie von Louise Farrenc... » (« S.M. » in der ‘Revue de la musique religieuse, populaire et classique’ -1845, S.162). Es folgten zwei weitere Symphonien. Die 3.Symphonie in g-moll op. 36 fand ihre Uraufführung 1849 wiederum im würdigen Rahmen der von der Société des Concerts in Paris organisierten Konzertreihe. Erneut wurde das Werk mit Enthusiasmus begrüßt. Die große Aufmerksamkeit, die den Werken von Louise Farrenc zuteil wurde, bewirkte nun auch, daß man sich mit der Frage « Frau und Komponieren » verstärkt kritisch auseinandersetzte. So schrieben Pierre Scudo und Maurice Bourges Aufsätze über dieses Thema, letzterer betont die Besonderheit Farrencs gegenüber den bisherigen Komponistinnen und bezeichnet sie als die « Verkörperung der größten symphonischen Begabung unter Frauen ». Der Musikschriftsteller Adrien de La Fage forderte von der Académie, angesichts einer Louise Farrenc müsse die bisherige Bezeichnung für Komponistin « femme compositeur » der « compositrice » Platz machen, ähnlich der « actrices ». Diese Idee konnte sich jedoch nicht durchsetzen, der Begriffswechsel wurde erst im 20.Jahrhundert vollzogen. In jedem Fall ist Louise Farrenc in der Art, wie sie sich als Frau mit ihrer ernsthaften kompositorischen Arbeit der Öffentlichkeit präsentierte, als Pionierin zu bezeichnen. Steht ihr Erfolg im Konzertleben außer Frage, so muss man konstatieren, dass ihr die für die damalige Zeit gängige Komponistenkarriere dennoch von Beginn an verschlossen war. So wurden Frauen damals noch nicht zu dem begehrten „Rompreis“ zugelassen, dies änderte sich erst im Jahre 1908. Auch an eine Professur für Komposition war nicht zu denken. Insgesamt herrschte in Frankreich immerhin noch deutlich mehr Toleranz für Komponistinnen als in Deutschland.
Neben den Orchesterwerken entstanden in den 40er Jahren im kammermusikalischen Bereich nach den Klavierquintetten weitere Werke mit verschiedenen Besetzungen. So z.B. die Trios für Violine, Violoncello und Klavier Es-dur, op.33 und d-moll op.34, die 1844 bzw. 1845 erstmals aufgeführt und in der Folgezeit noch häufig gespielt wurden. Zu nennen ist weiterhin die Sonate op. 39 für Violine und Klavier. Die Aufführung des Nonetts op.38 für Streicher und Bläser schließlich im Jahre 1850 unter Mitwirkung des 18-jährigen Joseph Joachim im Salle Erard stellt einen weiteren Höhepunkt dar ; wieder läßt sich den Presseberichten die Begeisterung über die Musik dieser so ganz aus dem Rahmen fallenden, durch ihre künstlerische Stärke und Originalität bewundernswerten Frau entnehmen. Einer der zahlreichen Kritiken der Aufführungen der Farrencschen Werke dieser Zeit verdanken wir eine Beschreibung der äußerlichen Erscheinung der Komponistin. « Die Gesichtszüge und die Form des Kopfes einer Frau von hohem Wuchs, mit einem fast männlichen Aussehen, mit ergrauten Haaren weniger durch ihr Alter als durch fieberhafte geistige Arbeit, mit einer breiten, hohen Stirn, die eine große Begabung der Kombination vermuten läßt, mit einem festen und etwas inquisitorischen Blick, der Bogen der Augenbrauen ist auf die bewundernswerteste Weise gewölbt, wie ich es bei einer Musikerin habe beobachten können... » (Honoré Chavée in ‘La France musicale’ ). Einige dieser Beobachtungen lassen sich interessanterweise anhand des einzigen überlieferten Bildes von Louise Farrenc, einer Zeichnung aus dem Jahre 1845, nachvollziehen.
Schien in dieser Zeit Louise Farrenc mit ihren Kompositionen von Erfolgserlebnissen quasi überschüttet zu werden, wurde sie privat von einem furchtbaren Schicksalsschlag getroffen. Ihre einzige Tochter Victorine wurde von einer schweren Erkrankung heimgesucht, die die künstlerische Betätigung dieser vielversprechenden jungen Frau schon bald unmöglich machte, schlimmer noch, sie zu einer Behinderten machte und später schließlich nach Jahren des Leidens zu ihrem frühen Tode führen sollte. So schwer das traurige Schicksal der Tochter zu ertragen war, so arbeitete Louise Farrenc doch unermüdlich an ihrem Werk weiter. Das Nonett wurde schon unter den schwierigen privaten Umständen geschrieben. 1852 entstand das Sextett c-moll op. 40 für Bläser und Klavier, das es auch in einer Fassung für Streichquartett und Klavier gibt. Hatten sich ihre Symphonien mit ihren Uraufführungen zunächst vielversprechend angelassen, so schien es für fortgesetzte Aufführungen doch zusätzlichen Engagements zu bedürfen. Die Farrencschen Symphonien wurden trotz vielfältiger Bemühungen nicht mehr weiter in die Programme der Société des Concerts aufgenommen. In Deutschland stieß Aristide Farrenc bei einer aus diesem Grund angetretenen Reise mit den Symphonien nur auf Ablehnung.
Im Jahre 1859 erlag Victorine 32-jährig ihrer Erkrankung. Der Verlust der Tochter stellt einen tiefen Einschnitt im Leben der Louise Farrenc dar. Sie stellte ihre kompositorische Arbeit beinahe ganz ein und verfiel ungefähr die nächsten drei Jahre in eine Phase der Passivität. Als letzte Werke waren in der vorangegangenen Periode noch jeweils ein Klarinetten- und ein Flötentrio, sowie eine Cello-Sonate entstanden. Die Académie des Beaux Arts verlieh Louise Farrenc 1862 den « Prix Chartier », einen Preis, den später noch Komponisten wie Lalo, Franck oder Fauré erhalten sollten. In der Begründung der Jury heißt es : „Madame Farrenc hat das von dem Preisstifter bevorzugte Genre durch Werke von größtem Wert bereichert ... Die Kompositionen … strahlen im reinen klassischen Stil und zeichnen sich durch erhabene Einfälle aus…“.
Madame Farrenc begann nun in den folgenden Jahren neben ihrer pädagogischen Arbeit am Conservatoire, ihren Mann bei einem lang angelegten Projekt aktiv zu unterstützen, der Herausgabe von einer umfangreichen Sammlung von Klavierstücken « Le Trésor des pianistes » ( Der Schatz der Pianisten). Aristide Farrenc hatte sich schon seit längerer Zeit für ältere Klaviermusik zu interessieren begonnen und über Jahre sehr viel Material angesammelt. Es war die erste Anthologie dieser Art in Frankreich, umfaßte verschiedene Epochen der Musikgeschichte und reichte bis in die frühen Anfänge der Klaviermusik zurück. Am Ende zählte diese Sammlung 20 Bände. Die Veröffentlichung der einzelnen Bände erforderte es, mit Begleittexten und Konzerten, bei denen Louise Farrenc als Pianistin auftrat, das Publikum an die alten Meister der Klavierkunst, deren Werke nicht mehr in dem damaligen Konzertrepertoire enthalten waren, heranzuführen. Nach dem Tod ihres Mannes im Januar 1865 führte Madame Farrenc die Herausgabe der Bände alleine fort.
Im Jahr 1873 gab Louise Farrenc ihre Professur am Conservatoire auf. Im September 1875 verschied sie in Paris.
Bibliographie
Friedland, Bea : Louise Farrenc, 1804-1875. Composer, Performer, Scholar, Dissertation, New York City University 1975, Ann Arbor, 1980 (Studies in Musicology Bd.32)
Friedland, Bea : Louise Farrenc, 1804-1875. Composer, Performer, Scholar, The Musical Quarterly, LX/2,1974, S. 257-274
Heitmann, Christin ; Herwig, Katharina ; Hoffmann, Freia : Die Werkausgabe Louise Farrenc, in : Einblicke Nr.27/April 1998, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Nies, Christel : Louise Farrenc : Ein musikalisches Porträt, in : Unerhörtes entdecken, Komponistinnen und ihr Werk, Kassel 1995, S. 178-186
Roster, Danielle : Louise Farrenc-Dumont : ‘Femmes compositeurs’ oder ‘compositrices’, in : Allein mit meiner Musik, Editions PHI 1995
Roster, Danielle : Die großen Komponistinnen, Insel Verlag Frankfurt und Leipzig, 1998, S. 161-180
Weissweiler, Eva : Louise Farrenc. In : Komponistinnen aus 500 Jahren - Eine Kultur- und Wirkungsgeschichte in Biographien und Werkbeispielen, Frankfurt/Main 1981, S. 238-253
